Dynamische Integration als Psychomotorisches Angebot


Die Psychomotorik beschäftigt sich mit den zentralen Zusammenhängen von Bewegung, Wahrnehmung, Entwicklung und Erschließen von Lebenswelt. Durch den Körper erfährt der Mensch über sich und seine Umwelt. Über Bewegung drückt ein Mensch sich aus und beeinflusst aktiv sein Umfeld.

Psychomotorik definiert Körper- und Bewegungserfahrungen als die Grundlagen von Persönlichkeitsentwicklung, Lernen, Beziehungsaufbau und Identität. Entwicklung ist angewiesen auf Impulse aus der Umwelt. Wahrnehmung und Bewegung müssen strukturiert werden, um Muster bilden zu können, die den Ausgangspunkt für Handlungskompetenzen darstellen.

Je mehr Muster zur Verfügung stehen, umso besser kann Anpassung an Umweltbedingungen und Anforderungen gelingen (vgl. Kuhlenkamp 2017, 24 - 27).

Ihrer besonderen Situation geschuldet haben Menschen mit Behinderung als Kinder seltener die Gelegenheit ein gutes und umfassendes Körperschema aufzubauen und ihre Körpermotorik zu entwickeln.

Die Dynamische Integration ermöglicht über bewusste Körper- und Bewegungserfahrung die Initiierung von Bewegung oder eine Verfeinerung der bestehenden Bewegungsmuster. Genutzt werden dazu die Strategien des menschlichen Gehirns, neuronale Verknüpfungen zu erstellen, um Entwicklung zu ermöglichen und voranzutreiben. 

Die Tatsache der Neuroplastizität gewährleistet eine Erweiterung von Spielräumen, Handlungskompetenzen und Lernen in jeder Lebensphase.

Selbstwahrnehmung, Eigentätigkeit, selbstständiges Handeln und damit Erfahrungen von Selbstwirksamkeit werden im Kleinen bis zum Großen erlebbar.

Dass ein Mensch lernt, eine Handlung zu koordinieren, sich durch Bewegung bemerkbar zu machen, eine Tätigkeit einzuleiten oder an einer pflegerischen Handlung teilzunehmen, bedingen einen wesentlichen Unterschied in der Lebensqualität.

Dies wirkt sich aus auf Selbstbild und Selbstwert, auf Initiative und Motivation.


Menschen mit schweren Mehrfachbehinderungen verlieren mit stundenlangem Sitzen im Rollstuhl zunehmend an Körperwahrnehmung, was wiederum Spastizität begünstigt. Vermeintlich entstehen Kontrakturen, der Mensch ist starr und behält seine Rollstuhl Sitzposition auch außerhalb, zum Beispiel im Bett, bei.

Dies schränkt zusätzlich Eigeninitiative und Selbstbestimmung ein. Assistenzbedarf und Abhängigkeit erhöhen sich.

In unserer Arbeit mit schwer mehrfachbehinderten Menschen setzten wir bei dem an, was möglich ist und interessiert.

Der Mensch mit Behinderung erlebt sich selbsttätig und selbstwirksam und äußert dies mit einer verstärkten Aufmerksamkeit. Die Handlungsfähigkeit, erlebt über nonverbalen Responsivität, führt zur Handlungsbereitschaft und gewährleistet positive Wechselwirkungen und Entwicklung.

Funktionale Perspektive der Psychomotorik: 

Über bewusste Wahrnehmung einer Bewegung kann deren Effizienz, deren Tempo und Sicherheit verbessert werden. Kontraproduktive Bewegungsmuster dringen ins Bewusstsein und können „losgelassen“ werden.

Strukturelle Zusammenhänge des Bewegungsapparats werden +/- bewusst verinnerlicht. Diese angeleiteten Strukturierungsübungen haben zur Folge, dass Strukturierung auch auf anderen Ebenen besser gelingt. Wahrnehmungen aus der Umgebung können besser geordnet und eingeordnet werden. Damit erkläre ich mir die Erfolge einer Kollegin, die im Feld „Kinder mit Lernschwierigkeiten“ arbeitet. 

Indem Wege zur „leichten Bewegung“ gesucht und gefunden werden, trainiert ein Mensch Ausdauer, Bewältigungsstrategien, Problemlösungsfindung und entwickelt Fehlerkultur.


Ökologisch-systemische Perspektive:

Gerade für schwer mehrfachbehinderte Menschen, aber auch alle anderen, kann die Bewegungspädagog*in mit der DI eine dialogische Antwortbeziehung etablieren (Resonanz). DI ist ein wertschätzendes, respektierendes Beziehungsangebot.

„Erkundungsaktivität wird durch Bewegungsdialektik angeregt“ (vgl. Fischer 2019, 54)

Über Differenzierung entsteht Bedeutung und intrinsisches Interesse (Facharbeit). DI befähigt Unterschiede zu erkennen und Unterschiede zu suchen. Differenzierung wird am eigenen Leib erlernt. Welche Bewegung „ausprobiert werden“ möchte, entscheidet die Klient*in selbst. Damit kann sie sich immer auf sicherem Territorium bewegen.

Die Fertigkeit der Unterscheidung kann bewusst eingesetzt werden, um Motivation für ein bestimmtes Thema zu initiieren. Dies ist im Kontext Schule von Bedeutung. (Ich befasse mich mit einem wenig ansprechenden Thema. Ich richte meine Aufmerksamkeit auf Einflüsse, Veränderungen, das Thema betreffen und kann damit Interesse initiieren.

Differenzierung erlaubt Spannungszustände der Muskulatur zu beeinflussen. Differenzierung erlaubt Wahlmöglichkeiten und Selbststeuerung. Dies wirkt sich auf Autonomie und Selbstbestimmung aus und überträgt sich auf die psychische Ebene einer Person.

Spielen mit Bewegungsmöglichkeiten initiiert Planungskompetenzen.


Sabine Mansoory

Heilpädagogin

Bewegungspädagogin Dynamische Integration




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